Videopaper "Are teachers ready to teach in the information society? – An international perspective"
Referentin Associate Professor Dr. Joke Voogt, University of Twente, The Netherlands
von Nadine Anskeit, Bernd Hölscher, Zorica Nikolova
Basierend auf den Befunden der drei Module der IEA-Studie SITES (Second Information Technology in Education Study, SITES-M1, 1997-1999; SITES-M2, 1999-2002 und SITES 2006, 2006-2007) und dem internationalen Handbuch „Information Technology in Primary and Secondary Education“ präsentiert Dr. Joke Voogt im Rahmen der Herbsttagung 2009 der Kommission Medienpädagogik, die an der TU Dortmund von Prof. Dr. Renate Schulz-Zander und Dr. Birgit Eickelmann ausgerichtet wurde, einen Keynotevortrag zu dem Thema „Are teachers ready to teach in the information society? – An international perspective“.
Hintergrundinformationen zur IEA-Studie SITES:
Zentrales Thema der von der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) koordinierten SITES-Studien ist, in wie weit Informationstechnologien Änderungen in Lern- und Lehrprozessen an allgemeinbildenden Schulen der Primar- und Sekundarstufe hervorrufen.
Insgesamt besteht die Studie aus drei aufeinanderfolgenden Modulen:
Zusammenfassung des Vortrages
Im Zentrum des Vortrags steht die sich aus dem gesellschaftlichen Wandel als nötig angenommene Integration von IKT in schulische Curricula. Insbesondere wird die Perspektive der Lehrpersonen thematisiert, da dieser eine besondere Rolle als „Coach“ oder „Mentor“ zugeschrieben wird. Weiterhin finden die den Integrationsprozess fördernde und hemmende Faktoren Berücksichtigung.
Der Vortrag
Der gesellschaftliche Wandel zu einer postindustriellen Informations- bzw. Wissensgesellschaft erfordere eine grundlegende Veränderung des Bildungswesens, Konjunktur, so Voogt. Traditionelle Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen spielen weiterhin eine wesentliche Rolle in der schulischen Bildung. Sie müssen jedoch um neue, grundlegende Kompetenzen, wie Flexibilität, Adaptivität und Selbstorganisation aber auch Probleme lösen, die das 21. Jahrhundert erfordere, erweitert werden:
Wie Voogt in ihrem Vortrag deutlich macht, steht die Bildung vor der neuen Herausforderung, eine geeignete Balance zwischen den neu zu vermittelnden Kompetenzen und den traditionell bestehenden Zielen der sogenannten Industriegesellschaft herzustellen.
Die Forderung nach dieser Balance bringt Veränderungen in der Lernkultur mit sich. SITES-M2 zeigt in diesem Zusammenhang die folgenden Aspekte einer innovativen Lernumgebung auf, die Voogt in dem Vortrag als besonders relevant herausstellt:
Die Ergebnisse der Studie zeigen weiter, dass die geforderte Veränderung der Inhalte eines innovativen Unterrichts in der Praxis vergleichsweise gering ausfällt. Inhalte werden einerseits mittels der IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien), u.a. durch den Einsatz von computerunterstütze Simulationen oder Modellbildungen, auf veränderte Weise präsentiert. Dabei ist der Fokus auf ein tiefergehendes Verständnis gerichtet. Andererseits ergeben sich aufgrund der Rahmenbedingungen, die z.B. durch den Lehrplan abgebildet werden, bisher aber kaum neue Inhalte.
Im Gegensatz zu den kaum festgestellten Veränderungen der Inhalte, konnte die Studie SITES-M2 hinsichtlich der Ziele eines innovativen Unterrichts mit IKT eine markantere Entwicklung aufzeigen:
Es ergeben sich vor allem Veränderungen der Schüleraktivitäten und Lehrerrollen, die von Voogt wie folgt beschrieben werden:
Die Lernenden stehen im Vordergrund und werden an die eigenständige Lösung von Problemen herangeführt. Die Lehrperson tritt als „Coach“ auf, der eher eine Mentoren- als eine Lehrerfunktion einnimmt und Lernmaterialien bereitstellt. Hierbei kooperiert und unterstützt die Lehrperson bei der Lösung von Problemen, gibt aber weder Probleme- noch Lösungswege vor. Die gegebenen Problemsituationen orientieren sich nahe am realen Leben, sodass die Lernenden in der Lage sind, unvorhergesehene, komplexe Situationen zu bewältigen. Eigenständige Lösungsstrategien werden in der Gruppe konstruiert, erprobt und diskutiert und Schüler erstellen in kreativer Zusammenarbeit Produkte wie PowerPoint Präsentationen oder Webseiten (vgl. auch Kozma, 2003; Schulz-Zander et al., 2003).
Das dritte Modul der SITES, die SITES 2006, legt im Vergleich zur SITES-M2, laut Voogt, den Fokus eher auf den Nutzen, resultierend aus dem Gebrauch von IKT in der pädagogischen Alltagspraxis. Anhand einer Stichprobe von ca. 8000 Lehrkräften wurde der Einsatz von IKT im Mathematikunterricht und im naturwissenschaftlichen Unterricht untersucht (SITES 2006).
Als Befund dieser Studie aus 2006 ergibt sich, dass IKT von 51.2% der Lehrkräfte häufig (d.h. wöchentlich oder intensiv in bestimmten Unterrichtsphasen wie z.B. Projekten), 15.7% gelegentlich und 33.1% gar nicht genutzt wird.
Die folgenden Tabellen, die auch auf den Präsentationsfolien von Voogt dargestellt sind, stellen die Ergebnisse von Lehrkräften, die angeben, dass sie IKT häufig nutzen, dar. Hierbei beantworteten die Lehrkräfte die Frage, wie sie die Schülerleistungen in Verbindung mit IKT gestützten Unterrichtsformen wahrnehmen.


Um der Frage nachzugehen, warum immer noch ein Drittel der Lehrkräfte auf den unterrichtlichen Einsatz von IKT komplett verzichten und immerhin noch ein Sechstel IKT nur gelegentlich in den Unterricht integrieren, wird die Ausführung von Christensen und Knezek (2008) aus dem Handbuch „Information Technology in Primary and Secondary Education“ angeführt. Diese Studie erörtert den phasenorientierten Ablauf des Veränderungsprozesses, der für eine erfolgreiche Integration von IKT notwendig ist, in folgenden Schritten:
- 1. Awareness
- 2. Learning the Process
- 3. Understanding and application of the process
- 4. Familiarity and confidence
- 5. Adaptation to other contexts
- 6. Creative applications to new contexts
(Christensen & Knezek 2008, S. 354)
Weiter führt Voogt aus, dass die Analysen von Christensen und Knezek ergeben, dass die Lehrpersonen eine sehr zentrale Rolle bei der Integration von IKT in der Schule spielen. Der Einsatz der IKT durch die Lehrperson geschieht in Abhängigkeit von drei Faktoren: dem Willen ("will"), der Kompetenz im Umgang mit IKT ("skill") und der Verfügbarkeit der Geräte ("tool"). Die Kompetenz im Umgang mit IKT beschränkt sich dabei jedoch nicht nur auf die Bedienung der Geräte, sondern beinhaltet viel mehr die Verknüpfung von Fach-, IKT- und pädagogischem Wissen.
Resultierend aus dem Änderungsprozess ergibt sich ein erweitertes Verantwortungsbewusstsein der Lehrperson: Die so genannten „Teacher Leaders“ fühlen sich in ihrem Beruf nicht mehr ausschließlich nur für das unterrichtliche Geschehen in den eigenen Klassenräumen verantwortlich, sondern handeln vielmehr über die Klassenraumgrenze hinaus.
Da Lehrkräfte in ihrer Tätigkeit an der Schule nicht isoliert handeln können, werden abschließend im Vortrag die Herausforderungen skizziert, denen sich Lehrpersonen im Berufsalltag stellen müssen, wenn sie IKT in ihren Unterricht integrieren. So muss für sie ständig der Beweis erbracht werden, dass die Arbeit mit IKT für den Lernerfolg der Schüler von besonderem Nutzen ist. Analysen aus dem Handbuch „Information Technology in Primary and Secondary Education“ zeigen, dass dieser Nutzen in vielen Fällen gegeben ist. Erschwerend für die erfolgreiche Integration von IKT in den Unterricht sind aber curriculare Rahmenbedingungen sowie „widersprüchliche“ Anforderungen der Politik an die schulische Bildung.
Literatur
Informationen zur Referentin
Dr. Joke Voogt ist seit 1999 als assozierte Professorin an der Universität Twente in Enschede tätig. Seit Mitte der 1980er Jahre forscht sie nationale und international im Bereich der innovativen Nutzung digitaler Medien und deren Implementierung in Curricula. Beispielsweise hat sie an allen drei SITES-Modulen (Second Information Technology in Education Study) gestaltend und beratend teilgenommen. Ihre besonderen Interessensschwerpunkte sind die Veränderungen, die sich mit der Integration digitaler Medien für Lehrpersonen ergeben. Zu ihren aktuellen Veröffentlichungen gehören Teile des Abschlussberichtes der SITES2006 sowie das Internationale Handbuch „International handbook of information technology in primary and secondary education“, das 2008 bei Springer erschienen ist und das sie gemeinsam mit Gerald Knezek herausgegeben hat.
Publikationen (Auswahl)









