Videopaper "Researching Information Technology in Education"
Professor Margaret Cox OBE, King's College London, UK
von Jacqueline Stegemöller und Anna Uvermann
Im Rahmen der Herbsttagung 2009 der Kommission Medienpädagogik in der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) an der TU Dortmund, die von Prof. Renate Schulz-Zander und Dr. Birgit Eickelmann organisiert wurde, referierte Keynote Speaker Professor Margaret Cox vom King’s College in London am 5. November 2009 zu dem Thema „Researching Information Technology in Education“.
Zusammenfassung des Vortrages
Margaret Cox reflektiert in ihrem Vortrag die Entwicklung des IT-Einsatzes in Lehr-/Lernkontexten und blickt damit auf die vergangenen vierzig Jahre zurück. Dazu stellt sie den aktuellen Forschungsstand in diesem Feld vor und weist auf die Grenzen der vorliegenden Forschungsbefunde hin. Abschließend nimmt sie Bezug auf die sogenannten Kompetenzen des 21. Jahrhunderts (21st century skills) und stellt in diesem Zusammenhang Befunde eines von ihr durchgeführten Forschungsprojektes vor.
Der Vortrag
Die Nutzung von IT und ihre Entwicklung im Laufe der letzten Jahre sind die zentralen Themen des Keynote Vortrages von Prof. Margaret Cox. Dabei setzt sie ihren Fokus auf die Auswirkungen der IT-Nutzung in Forschung und Lehre und die dort stattgefundenen Änderungen und Entwicklungen.
Margaret Cox referiert ausgehend von den Fragestellungen:
Was sind die Auswirkungen des IT-Fortschritts und des IT-Einsatzes der letzten Jahrzehnte für die Forschung? Wie sehen diese Auswirkungen für die universitäre Lehre und den Unterricht an Schulen aus?

Zunächst berichtet Margaret Cox von den Anfängen des PC-Einsatzes in den Schulen, der erst zur Programmierung und später zur Durchführung von Tests herangezogen worden sei. Eine weitere Entwicklung stellen die drill-and-practice-Programme dar, die auf Computern wie den Commodore PET angewendet wurden, und die die Schüler individuell an Lernstationen nutzen konnten.
Heute werden neue Technologien, wie z. B. Interactive Whiteboards, in Schulen eingesetzt. Diese Medien führen wieder zurück von der Einzelarbeit hin zum gemeinsamen Klassenunterricht. Daher sei ein Konflikt zwischen den individuell nutzbaren Medien (Notebooks, Handys, etc.) und den Technologien, die im Klassenverband genutzt werden, entstanden. Dies spiegelt sich auch im Unterrichtsgeschehen wieder, das nun flexibel zwischen den verschiedenen Formen wechseln könne.
Die Messung der Auswirkungen jedoch, die der Einsatz von Informationstechnologien auf das Lernen von Schülern hat, sei schwierig.
Die generellen Aussagen, dass der Einsatz digitaler Medien Auswirkungen auf den Unterricht habe, würden nicht ausreichen, so Margaret Cox, um die genauen Ergebnisse zu verdeutlichen. Es stelle sich immer noch die Frage, worin diese Auswirkungen genau bestehen und wie diese sichtbar werden. Ebenso, wie bei der Auswahl eines Buches, sei auch bei der Wahl des digitalen Mediums darauf zu achten, welches Ziel es verfolgt und wie es entsprechend im Unterricht eingesetzt werden könne.
Margaret Cox betont die Wichtigkeit der Unterscheidung von synchronem und asynchronem Lernen mit digitalen Medien, die unterschiedliche Einsatzgebiete hätten. Diese Unterschiede, und die damit verbundenen Einsatzgebiete im Unterricht, müssen den Lehrern bekannt sein. Besonderen Stellenwert misst sie dem asynchronen Lernen bei. Denn gerade im Verlauf einiger Unterrichtswochen sei es beispielsweise ein klarer Vorteil, dass bereits gefertigte Arbeiten nochmals aufgerufen und im aktuellen Lernprozess eingebunden werden können.

Im Verlauf der letzten vierzig Jahre lassen sich verschiedene IT-Entwicklungen im schulischen Lernen erkennen. Das besondere Problem der heutigen Zeit sieht Margaret Cox vor allem in der großen und sich schnell entwickelnden Informationsfülle, die die Informationstechnologien bereitstellen. Die Schüler, wie die Lehrer, hätten nicht die Zeit, alle diese Informationen innerhalb des vorgegebenen Curriculums zu verarbeiten und zu lernen. Es bestehe daher ein Missverhältnis zwischen den gegebenen Informationen und den realen Lernmöglichkeiten.
In diesem Zusammenhang geht Margaret Cox auf acht neue Entwicklungs- und Bildungs-Projekte ein, die zurzeit noch andauern und deren Entwicklungen von ihr kurz dargestellt werden:
Angefangen auf einer kleineren Ebene (Stage), erstrecken sich die Projekte schließlich bis in die öffentlichen Bereiche hinein. Personell umfassen sie dabei Sofware-Experten, die jeweiligen Fach-Experten und Lehrer, die die Entwicklungen später auch nutzen sollen. Die Beteiligung dieser unterschiedlichen Gruppen sei besonders wichtig, um einen späteren Einsatz im Unterricht verwirklichen zu können und bisher vertraute Methoden zu ergänzen. Das dahinter stehende Design, das bereits in den 1970er Jahren genutzt wurde, sei auch heute noch relevant.
Margaret Cox geht in ihrem Vortrag weiter auf die verschiedenen Untersuchungstechniken der Forschungsprojekte ein.

Schüler-Tests, die sich in Pre- und Post-Tests unterteilen, stellen eine der Techniken dar. Die Schwierigkeit beim Entwickeln solcher Tests sei jedoch meistens, auch das zu messen, was die Schüler wirklich lernen. Dabei stelle die Messung der Einflüsse der Informationstechnologien eine besondere Schwierigkeit dar.
Daneben gibt es Fragebögen, Umfragen oder Video- und Tonaufnahmen für Gesprächsanalysen, um die Art der Schülergespräche und ihre Änderungen zu verfolgen.
Die möglichen Untersuchungsinstrumente werden von Margaret Cox unterteilt in solche, die eine begrenztere Wirksamkeit haben und in pädagogisch effektivere Instrumente. Checklisten über Zuverlässigkeit und Leistung, Meinungs-Feedbacks von Schülern und Lehrern oder auch ein Vergleich zwischen den IT-Auswirkungen und den Auswirkungen traditioneller Lehrmethoden sind mögliche Instrumente. Margaret Cox sieht ihre Effektivität jedoch als eher begrenzt an. Weit effektiver dagegen seien pädagogische Variablen, wie beispielsweise die Relevanz des Lehrplans und die Identifizierung dessen, wozu IT genutzt wird und was es bedeutet.
In diesem Zusammenhang stellt sie eine bereits durchgeführte Untersuchung vor:
Im Jahr 2008 wurde in Großbritannien eine Erhebung zum Gebrauch von Web 2.0 Technologien durchgeführt. Für diese Studie wurden mehr als zweitausend Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren befragt. Die Kinder repräsentieren zwar alle verschiedenen Schultypen, jedoch besuchen manche Kinder Schulen, die besonders stark Web 2.0 Medien einsetzen.
Das Ergebnis der Studie ist, dass es zwischen den beiden Gruppen von Schülern keine gravierenden Unterschiede hinsichtlich der Nutzungsintensivität von Online-Medien gibt. Allerdings merkt Margaret Cox an, dass die Schüler, die die Schulen besuchen, die Informationstechnologien besonders stark einsetzen, Web 2.0 Medien stärker in der Schule nutzen, als die anderen befragten Schüler. Schüler, die im Unterricht nicht vermehrt mit solchen Technologien arbeiten, nutzen diese stärker zu Hause.
Weiter haben die Forscher die Kinder nach Gründen für die Nutzung von Informationstechnologien gefragt. Die meisten Befragten haben angegeben, dass sie mit Hilfe der Medien mit anderen Personen im Kontakt bleiben können.
Ebenfalls wurden die Jungen und Mädchen nach ihrem Gebrauch von Informationstechnologien innerhalb und außerhalb der Schule gefragt. Bei dieser Frage hat sich herausgestellt, dass die meisten Aktivitäten in der Freizeit der Kinder stattfinden. An dieser Stelle gibt Margaret Cox zu denken, dass aus den Ergebnissen nicht zu erkennen sei, wie häufig die Kinder die einzelnen Web 2.0 Medien nutzen. So geben zwar fast achtzig Prozent der Befragten an, dass sie Musik downloaden, allerdings bleibt die Frage, wie oft dieses geschieht, unbeantwortet.

Um solche Kritikpunkte zu vermeiden, stellt die Rednerin den Einsatz von Metastudien vor. Margaret Cox erklärt, dass für eine Metastudie viele individuelle Studien, die eine ähnliche Fragestellung verfolgen, aufzugreifen und auszuwerten seien. Im weiteren Verlauf erklärt sie den Ablauf einer solchen Studie. Sie erläutert kurz, dass eine Metastudie mit der Festlegung von Kriterien, anhand derer entschieden werden könne, ob die einzelne Studie für die Metastudie geeignet sei, beginne. Im weiteren Verlauf sei es Aufgabe der Forscher, sich auf Variablen zu einigen, mit denen sie das Ergebnis messen möchten. Der letzte Arbeitsschritt bestehe darin, die zuvor formulierten Variablen mit den Ergebnissen in Beziehung zu setzen.

Weiter nennt Margaret Cox verschieden Vorteile von Metastudien. Als Nutzen gibt sie an, dass eine Metastudie eine größere Gültigkeit habe, da eine größere Anzahl von Studien in das Ergebnis mit einfließe. Ein weiterer Vorteil sei, so die Rednerin, dass sich Studien in der Zukunft an den Resultaten einer Metastudie orientieren können. Als letzten Nutzen nennt sie, dass Metastudien ein neues Verständnis für einen Forschungsbereich liefern können. Anschließend geht Margaret Cox auf verschiedene Grenzen von Metastudien ein.
Sie sieht die Gefahr, dass in einer Metastudie Studien verglichen werden, die nicht vergleichbar seien. Ebenfalls sei darauf zu achten, keine methodisch schlechten Studien zu verwenden.
Im weiteren Verlauf stellt Margaret Cox eine groß angelegte Studie im Vereinigten Königreich vor, welche seit 1991 den Besitz von informationstechnischen Ressourcen und den Gebrauch von diesen in englischen Schulen untersucht.
Allerdings sieht die Sprecherin verschiedene Faktoren im informationstechnischen Unterricht, die groß angelegte Studien beeinflussen können. Ein Faktor sei zum Beispiel der Einsatz verschiedener Lehrpläne an den untersuchten Schulen. So könne die informationstechnische Ausrüstung in Schulen, an denen Informatik unterrichtet wird, besser sein als in Schulen, an denen das Fach nicht im Lehrplan verankert ist. Ebenfalls wisse der Rezipient solcher Studien nicht, ob und wie stark die Kinder und Jugendlichen informationstechnologische Medien zu Hause nutzen.
Im Anschluss erklärt Margaret Cox, dass es zwingend notwendig sei, dass nationale und internationale Studien die so genannten Kompetenzen des 21. Jahrhunderts untersuchen. Allerdings versteht sie unter diesen Fähigkeiten nicht, zu wissen, wie ein Laptop oder das Internet funktioniere, sondern vielmehr sei es für sie wichtig, tiefergehende kognitive Metafähigkeiten zu erlernen.
Diese Metafähigkeiten sollen Studierenden in dem englischen Universitätsprojekt hapTEL vermittelt werden. Das von ihr geleitete Projekt hat zum Ziel, ein virtuelles Lernsystem für Studierende der Zahnmedizin zu entwerfen, zu entwickeln und zu evaluieren.
Abschließend appelliert Margaret Cox an das Publikum, in mehrdimensionalen Lernumgebungen das soziale Lernen nicht zu vernachlässigen. Es sei wichtig, dass Lerner sowohl verschiedene soziale als auch verschiedene kognitive Fähigkeiten entwickeln. Eine Hauptaufgabe der Lehrenden in Bildungseinrichtungen sei daher, Interpretationsfähigkeit zu vermitteln. Diese Befähigung sei besonders für ein Land wie Deutschland, welches sich zu einer Informationsgesellschaft entwickelt habe, von großer Bedeutung.
Informationen zur Referentin
Margaret Cox ist emeritierte Professorin für Informationstechnologien in der Bildung am King´s College in London. Mehr als 35 Jahre lang war sie in der Entwicklung von Bildungssoftware tätig. Des Weiteren untersuchte sie den Einfluss von IT auf das Lehren und Lernen in allen Bildungssektoren und bildete IT-Lehrer für die weiterführende Schule aus. Sie war an vielen nationalen und internationalen Forschungsprojekten beteiligt. Heute noch leitet sie das interdisziplinäre Projekt hapTEL, welches ein virtuelles Lernsystem für Studierende der Zahnmedizin entwickelt.
Publikationen (Auswahl)
- Cox, M. (2008): The scientific investigation of mass graves, Cambridge Univ. Press: Cambridge.
- Preston, C; Cox, M.; Cox, K. (2000): Teachers as Innovators: An evaluation of the motivation of teachers to use information and communications technologies, South Croydon: Mirandanet.
- Cox, M. (1999): Using Information and Communication Technologies (ICT) for pupils' learning; In: Nicholls, G.: Learning to teach. A handbook for primary & secondary school teachers, London: Kogan Page, S. 59-84.










